2. Januar 1788

6. April 2012, von Henriette Gerber in ARCHIV, Januar

 

Es war so kalt an diesem Tag, dass die Eiszapfen an den Regenrinnen nicht im Traum daran dachten zu tropfen und die Dächer auf dem Weg von der Nikolaistraße zum Neumarkt so schwer mit Schnee beladen waren, dass manch älteres einzustürzen drohte.

Friedrich Perthes hatte in der Dachkammer seines Lehrherrn Böhme seit Wochen darüber gegrübelt, wie er sie ansprechen würde. Sie war wunderschön. Einmal hatte sie ihn angelächelt, da war ihm beinah das Herz stehengeblieben. Mit Sicherheit waren es nicht ihre Kinder, mit denen er sie hin und wieder durch die Stadt spazieren sah. Höchstens drei Jahre älter als er war sie und etwas ärmlicher gekleidet als die beiden Mädchen und der Junge.

Seine Schuhe waren dünn und seine Strümpfe wurden löchriger von Tag zu Tag, obwohl er doch erst vor dreieinhalb Monaten hierhergekommen war. Wenigstens hatte er einen dicken Mantel. Es spielte ja keine Rolle, dass sein Onkel Justus in Gotha eine eigene Buchhandlung besaß, er selbst war erst Fünfzehn und kam sich bloß wie der Laufbursche eines geizigen Herrn vor.

Mit einem schweren Stapel Bücher beladen, trat er aus der Filiale in den Schnee. Während des Wartens hatte er sich am Kamin des Hinterzimmers aufwärmen dürfen. So schnell wie möglich wollte er jetzt zurück in das Hauptgeschäft am Neumarkt. Doch noch schneller stolperte er vorwärts, als sie plötzlich aus einem Laden in der Straße kam. Ohne Kinder. Die „Iphigenie auf Tauris“, eine Neuauflage des „Werther“ nach der überarbeiteten Fassung vom Vorjahr, Schillers „Don Carlos“ und allerlei andere Geschichten. Dazwischen ein Gedichtband.

Er vergaß vor lauter Aufregung, sie nach ihrem Namen zu fragen, als sie das schmale Bändchen leise dankend entgegennahm. Es seien außergewöhnlich schöne Gedichte, brachte er unsicher heraus. Böhme würde er sagen, er musste einem Pferdefuhrwerk ausweichen, sei in den Schnee gestürzt und muss dieses Buch wohl übersehen haben, als er die anderen wieder auflas. Es war ihm egal, dass der seine Brennholzration wohl für eine ganze Woche streichen würde.

 

BUCHHANDLUNG WÖRTERSEE / PETERSSTEINWEG

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