15. Februar 1357

6. April 2012, von Henriette Gerber in ARCHIV, Februar


Es war ein viel zu schöner Tag um zu sterben. Blendendes Sonnenlicht breitete sich über den Gerichtsweg, die Luft war kalt, der Atem der Gaffenden bildete feinen Nebel.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Zwei Wochen hatte er letzten Herbst bei der Ernte geholfen, dann hatte ihr Vater ihn vom Hof verjagt. Seine Tochter mit einem Tagelöhner, niemals. Ihr Vater hatte den größten Hof im Umkreis von zehn Meilen. Die beiden trafen sich weiter heimlich und sie ließ ihn in der Scheune schlafen. Weggehen könnten sie, alles zurücklassen und irgendwo gemeinsam etwas aufbauen, irgendwo, wo Standesunterschiede nichts galten. Eine Arbeit würden sie beide schon finden. Die Flucht wurde vom Vater entdeckt, verfolgt und er bezichtigte ihren Geliebten des Verbrechens der Entführung und noch des Diebstahls. Christian landete im Gefängnis. Ihre letzten Worte an ihn lauteten derart: Sie würde zum Richter gehen, um seine Schuldlosigkeit zu bezeugen. Die Raben und Krähen auf den Feldern seien ihre Zeugen, dass sie bis vor den Galgen ginge, um ihn von der Last zu erlösen, die andere ihm aus Eigennutz aufgebürdet hatten.

Doch so sehr sie sich auch wehrte, sperrte der Vater sie selbst auf dem Hof ein, stellte sie unter Beobachtung, verwehrte es ihr um seiner selbst willen, die Wahrheit kundzutun. Verzweifelt erfuhr sie von einer Magd bald darauf, dass Christian diesen Tag im Gerichtsweg hängen sollte. Mithilfe der Magd betäubte sie den Vater und die Knechte und schlich sich vom Hof. Nicht schnell genug schien sie im tiefen Neuschnee voranzukommen. Der Fluss entlang des Feldwegs war zugefroren. Jetzt ging es schneller voran. Eine Schar Raben und Krähen folgte ihr.

Der Rat zu Leipzig ließ lange Zeit Enthauptungen auf dem Marktplatz stattfinden. Am Gerichtsweg, außerhalb der Stadtmauern, wurden Leute aufs Rad oder an den Galgen geknüpft. Als Christian am Morgen vor den Henker geführt wurde, dachte er an seine Geliebte, an ihren Schwur. Die kalte Luft schnitt ihm in die Lunge.

Sie war weit vorangekommen, in der Ferne sah sie die Mauern von Leipzig. Als es plötzlich unheilvoll unter ihr knackte. Ein tiefer Riss zog sich mit einem Mal durch das Eis. In Sekundenschnelle zog es sie unter die kalte Oberfläche, die Splitter schnitten sich vergeblich in ihre blutigen Hände. Laut krächzend flogen die Rabenvögel ihre Kreise über der Unglückseligen.

Als man Christian den Strick um den Hals legte, wurde es plötzlich still unter den Leuten. Ein Schwarm Raben hatte sich dem Richtplatz genähert und ließ sich vor dem Verurteilten nieder. Der Henker wich einen Schritt zurück, ein Raunen ging durch die Menge. Raben kannte man dort nur nach der Vollstreckung als Aasfresser. Sie ließen sich nicht verjagen. Als Christians Füße den Boden verloren, flogen sie nicht davon, sondern mit ihm auf und ließen sich nieder auf seinen Schultern.

Es wurde nicht lange über diesen Vorfall gesprochen, andere Verurteilte brachten Christian in Vergessenheit. Seitdem aber sieht man in Leipzig häufig Raben und Krähen. Zu jeder Jahreszeit, einzeln oder in Gruppen suchen sie noch immer die Nähe des Menschen.

 

SACHSENBRÜCKE  / ELSTERFLUTBECKEN

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