4. Februar 1216

6. April 2012, von Henriette Gerber in ARCHIV, Februar

Es war einer der drei Frühlingstage, wie jeder Februar sie hat. Schnee und Erde mischten sich zu Schlamm, der die darunter liegenden Schichten gefrorener Erde bedeckte. Fünf Gestalten näherten sich schwankend einem der Tore der Stadt. Der Tag war jung, die Nacht lag noch über den schlafenden Bewohnern Leipzigs.

In der warmen Wirtsstube eines der nahen Dörfer hatten es sich die Freunde gemütlich gemacht. Jetzt zogen Arnulf und Daniel, die sich aus Kinderzeiten kannten, Wernher, Johannes und Meinfridus los, zurück nach Hause. Sie hatten die halbe Nacht gezecht und waren am Ende so besoffen, dass sie ihr Geld bis auf die letzte halbe Kupfermünze für Obstbrand und Starkbier ausgegeben hatten, ohne etwas für den Wegzoll aufzuheben.

Als sie in die Nähe des Tores kamen, fiel ihnen ernüchternd dieser Umstand ein. Sie mussten sich etwas einfallen lassen, die Nachtkälte drang ihnen langsam aber sicher in die Knochen.

Ebenso wie den Mannen der Stadtwache, denen hin und wieder die Augen zufielen. Ein Schluck aus dem Weinschlauch wärmte und hielt sie wach. Bis sie plötzlich lautes Fluchen, vermischt mit hektisch gesprochenen Anweisungen vernahmen. Der Spähtrupp möglicher Feinde?

Arnulf und Daniel kannten jedes Mauerstück in der Nähe des Tores, sie waren in Leipzig aufgewachsen und nun an der brüchigsten Stelle hinaufgeklettert. Johannes begann eben die kalten Steine hochzuklettern, als der dicke Meinfridus über ihm ins Rutschen geriet. Fluchend fiel er in den Matsch. Noch bevor Wernher beiden auf die Beine helfen konnte, waren zwei der Wächter da, die ihn packten und auf ihn einschlugen. Plötzlich hellwach, schrie Arnulf lauthals ÜBERFALL, womit er die Leute in den nächsten Häusern weckte. Zugleich schrien die anderen beiden der vier Wächter, die an der Innenseite der Mauer an Daniels Bein zerrten, VERRAT. Noch mehr Menschen wurden aus dem Schlaf gerissen. Das Geschrei auf beiden Seiten der Mauer wurde immer lauter, Daniel schlug hart auf dem Boden auf, während die drei außerhalb der Stadtmauer wildgeworden auf die anderen Wächter eindroschen, die wiederum um Hilfe schrien.

Als die Sonne aufging, war das nächtliche Spektakel längst beendet, Anwohner waren dazwischen gegangen. Jede Seite hatte einen Schwerverletzten vorzuweisen.

Dieser Vorfall war solch eine Blamage für die Stadtoberen, dass noch im selben Jahr der Wegzoll für die Bewohner Leipzigs abgeschafft wurde und der Torgroschen ausschließlich von Reisenden zu zahlen war. Wohingegen die fünf Freunde in den Wochen nach Bekanntgabe dieser neuen Verordnung (besonders von den handeltreibenden Leipzigern) als Helden gefeiert wurden.

 

MORITZBASTEI

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