13. März 1520 *

6. April 2012, von Henriette Gerber in ARCHIV, März

 

Der Geruch war nicht das Schlimmste. Die Angst war viel größer. Es war nicht die erste Pestepidemie, die Leipzig überstehen musste. Bis jetzt waren es über zweitausend Tote. Ihr Mann war vor zwei Wochen zu Gott gegangen. War es eine Strafe oder eine Prüfung ?

Mönche des Thomasklosters pflegten im Georgenhospital, das vor dem Ranstädter Tor gelegen war, kranke Pilger und Siechende. Sollten sie auch ihr barmherzig sein? Als sie sich auf den Weg dorthin machte, wurden ihr die Beine schwer wie die Steine der Klostermauer und ihre Füße schmerzten bei jedem Schritt. Viel heftiger noch als der Schmerz, der ihren ausgezehrten Körper seit Tagen quälte. Die letzten Wochen zogen vor ihren Augen vorbei. Als sie an das Tor kam, hatte sie keine Tränen mehr im Leib.

Ob sie anklopfen sollte oder irgend anders sich bemerkbar machen? Ihr Kind war ganz still in ihren Armen. Doch es lebte. Kaum einen Monat alt.

Wenn die Mutter wieder gesund wäre (wogegen die Realität über die Wahrscheinlichkeit ihr Urteil verhängte), würde sie es an sich nehmen. Und falls auch ihr Kind nicht überlebte, würden sie sich gewiss im Jenseits wiedersehen. So hatte es der Pfarrer, seit sie selbst eines war, stets wiederholt.

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Im Jahre 1212 bestätigte Kaiser Otto IV. die Stiftung des „Spital sente Jörgen“ durch den Meißnischen Markgrafen Dietrich den Bedrängten, die eigentliche Stiftungsurkunde stammt aus dem Jahre 1213. Es wurde benannt nach dem Schutzheiligen der Kapelle des zugehörigen Augustiner-Chorherrenstiftes, des Thomasklosters, das vor dem Ranstädter Tor (eines der vier früheren Stadttore) gelegen war. Im Jahre 1439 trafen das Thomaskloster und der Rat der Stadt eine Vereinbarung, die die Übernahme des Hospitals in städtische Verwaltung regelte. Damals wurde der soziale Aspekt der Betreuung mittelloser Kranker, Obdachloser, Siechender, ausgesetzter Kinder und Pilger festgeschrieben.

 

TAGESMUTTER IN DER SÜDVORSTADT

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