18. April 1945*

16. April 2012, von Henriette Gerber in April, ARCHIV

Jahnallee 61. In was für ein gottverdammtes Nest war er hier geraten? In Nordafrika war er gewesen, seit dieser Krieg das Leben fraß und zugleich beschleunigte, in Sizilien und in der Normandie im letzten Juni. Müssten ihm nicht längst die Augen bluten von all dem Leid, das er gesehen hatte? Das Objektiv schützte ihn kaum. Genauso wenig wie die Soldaten hinterm Zielfernrohr.

Warum kämpften die Deutschen noch immer? Kann es nicht endlich vorbei sein! Leipzig. Kein Nest. Musikstadt. An das Fauchen der Schüsse hatte er sich gewöhnt, an das Dröhnen, den Knall, der einem das Trommelfell zerfetzen konnte, wenn man zu nahe dran war. Er hatte es so satt.

Was, wenn nun er auf den Balkon gegangen wäre, um sich einen Überblick zu verschaffen? Lehmann Riggs, Kommandant der US – Heavy Weapons Company, der er sich an diesem Nachmittag angeschlossen hatte, starrte auf den Mann, der Sekunden zuvor blutend zu seinen Füßen stürzte.

Den ging die Welt nichts mehr an. In diesem Chaos vermutete Lehmann Riggs einen Scharfschützen auf der anderen Straßenseite. Sie hätten das Vorrücken ihrer Truppen mit Maschinengewehren absichern sollen.  Raymond J. Bowman war sein Name.

Die Familie, die hier lebte, würde einen Toten in ihrem Heim vorfinden, wenn sie sich aus dem Keller wieder hervorwagte. Jede Familie hatte Tote zu beklagen.

Wann würde es endlich aufhören? Manchmal kam ihm die Frage hoch, was zuerst da war. Das Ei oder das Huhn? Der Krieg oder der Mensch? Manchmal fehlten die Antworten. Und manchmal sogar die Worte.

Aber er musste sich beeilen, er war nicht der einzige Kriegsphotograph in der Stadt. Auf dem Weg zum Fernmeldeamt fiel  ihm schon noch ein, was er in dem Telegramm an seine Agentur schreiben würde.

 

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Das Foto, das Robert Capa, Fotograf ungarisch-jüdischer Herkunft an diesem Tag schoss, wurde am 15. Mai 1945 im Life-Magazin abgedruckt und unter dem Titel „The last man to die“ („Der letzte Tote des Krieges“) weltberühmt.

 

ALTE HAUPTPOST / STILLGELEGT IM AUGUST 2011

 

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