28. Juli 1875

22. Juli 2012, von admin in ARCHIV, Juli

 

Die beiden Freunde hatten sich wirklich nichts weiter dabei gedacht ! Jetzt weinten sie, dass Gott sich erbarmen möge. Zwei Neunjährige, die es sonst schon bestens beherrschten, keine Tränen zu zeigen, weil es ihnen eben so anerzogen wurde. Mein Gott, jetzt muss es doch mal wieder gut sein, dachte der Alte wütend, aber es ging ihm tatsächlich zu Herzen. Trotzdem waren sie ihm eine Erklärung schuldig. Und wenn die nicht ehrlich genug wäre und wenn sie ihm außerdem nicht ernstlich glaubhaft machen würden, dass sie nie wieder solch einen Frevel begingen, würde er Friedhelm seinen Hund wegnehmen.

In diesem Fall würde Baron Trixi in einer Verwahrhütte landen oder – noch schlimmer – einem anderen Jungen gegeben werden. Der Alte war Mitglied in der vor knapp drei Monaten gegründeten Genossenschaft Leipziger Tierschutzverein Protektor se. Majestät König Georg von Sachsen. Als er die Jungen bei seinem Spaziergang auf dem Baum sitzen sah, sich dadurch fröhlich an seine Kindheit erinnert fühlte und daran, dass er seinen Enkeln bald wieder einen Besuch abstatten sollte, wäre ihm dieser Vorfall von Tierquälerei fast entgangen. Aber der Hund saß nicht unten wartend auf einer Decke, sondern war daran festgebunden und hatte sich damit auch noch im Gestrüpp verfangen. Er winselte ängstlich.

Durch die immer wieder aufsteigenden Tränen schnappten die beiden Bengel nach Luft, als hätte man sie gerade selbst – an einen provisorischen Fallschirm gefesselt – vom Baum gestoßen. Friedhelm beteuerte – während der andere ihm unter heftigem Kopfnicken permanent beipflichtete – dass es nur ein lächerliches Experiment gewesen sei im Vergleich zu der heroischen Geschichte, die er von seinem Vater gehört hatte.

Sein Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater war damals dabei gewesen, 1787 beim ersten bemannten Ballonflug in Leipzig. 1784 war der erste Ballon gestartet, das war schon eine Sensation. Aber als drei Jahre später ein Mann in der Gondel stand, war die Begeisterung der Menge ungeteilt. Der französische Luftschiffer Nicolas François Blanchard war von der Esplanade (dem heutigen Leuschner-Platz) gestartet und bis nach Großzschocher geflogen, von wo aus sein Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater ihn zusammen mit zig anderen unter Jubelrufen zurück in die Stadt geleitet hatte. Unterwegs hatte Blanchard einen Hund an einem Fallschirm aus der Gondel geworfen und der Hund sei damals unversehrt gelandet.

 

BALLONFIESTA  AM  SILBERSEE  /  LEIPZIG – LÖßNIG

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