14. August 1655

12. August 2012, von admin in ARCHIV, August

 

Bisher war es ein verregneter August, aber Gott sei Dank war der Krieg nun das siebte Jahr vorbei, die Taufe seines Enkels würde nicht ins Wasser fallen. Dafür würde er schon sorgen. Im Vorgarten der Familie hielt er ein fettes Schwein, das den Gästen am nächsten Sonntag wohl bekommen sollte.

Im Jahr zuvor hatte Bürgermeister Friedrich Kühlewein die erste gültige Marktordnung seit Kriegsende eingeführt, seitdem war auch die private Schweinemast verboten. Der Obermarktvogt hatte sogar das Recht, den Koben von einem Trupp aus Zimmermann und Handlangern einreißen zu lassen.

An diesem Nachmittag sah man ihn zum Haus des Meyers marschieren, gefolgt von den Handwerkern. Jemand steckte es dem Vater, der seine Söhne das Schwein hinters Haus bringen ließ. Der Obermarktvogt hatte wohlweislich Handschellen im Gepäck, zu oft schon hatten sich die Leute gewehrt. Als der Vogt in den Vorgarten trat und die Handwerker zum Koben schickte, versuchte Meyer es zuerst mit Worten. Doch er kam keinen Deut damit voran und so kam es zu einer Prügelei um den Koben, den er selbst gezimmert hatte.

Der Obermarktvogt und der Meyer fielen in den Schlamm und sahen jetzt selbst aus wie die Schweine. Der Vogt schrie nach den Handwerkern, doch der Meyer war stark wie Sechse. Sie sollen dem Meyer die Handschellen anlegen, schrie er, um der Lage wieder Herr zu werden. Gesagt, getan. Und dann war endlich Ruhe. Für einen Augenblick. Bis sich gleich darauf schallendes Gelächter unter den umstehenden Nachbarn und Familienmitgliedern erhob. Am lautesten lachte der Meyer. Der Vogt und er hatten beide so ein verdrecktes Angesicht, dass dessen Leute bei dem Gerangel ihm die Handschellen verpasst hatten. So sehr sie auch suchten – selbst der Meyer half dabei – der Schlüssel war offenbar im Schlamm versunken und schlicht nicht zu finden.

Während man an diesem Tag den Obermarktvogt völlig verdreckt und in Handschellen durch die Stadt laufen sah (bis zum nächsten Schmied), war es für die Familie des Meyers und dessen Nachbarn schon ein kleines Fest, das Schwein wieder einzufangen, das bei dem Tumult um seinen Koben unterdessen das Weite gesucht hatte.

CAFÈ FLEISCHEREI / JAHNALLEE

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