29. September 1945

23. September 2012, von admin in ARCHIV, September

 

Egal wo, egal wann, egal was passiert: man braucht bloß eine Fläche, die man Bühne nennt und ein bisschen Platz dazu für die Zuschauer ? schon hat man ein Theater. Noch vor ein paar Monaten war das Gesellschaftshaus des Zoos ein Lazarett, dann hatten Bombenangriffe einen Teil unbrauchbar gemacht, jetzt war der Weiße Saal zur Bühne geworden. Da kann alles verhandelt und gesagt werden, was die Menschen wollen und sich trauen mitzuteilen.

Ihre Mutter war aufgeregt, Thea Grimm stand angekündigt auf dem Theaterzettel ! Ganz klein, nach den anderen vier Kindern und allen Schauspielern und direkt über Albert Reuter, dem technischen Leiter der Aufführung. Zehn Reichspfennige kostete der Zettel, trotzdem hatte sie zehn davon gekauft. Für die Nachbarn und Verwandten.

WOYZECK. Von einem Georg Büchner. Der war jung gestorben, hatte Thea ihr erzählt. Nicht im Krieg. DER SCHEITERHAUFEN. So nannten die vom Städtischen Theater ihre neue Vorstellungsreihe von Stücken, die noch bis vor Kurzem verboten waren. Warum hatte niemand die Nazis verboten ? Hans Schüler, der Regisseur, beantwortete den Kindern ihre Fragen, aber ein Regisseur hat schließlich nicht auf alles eine Antwort.

Dass der Woyzeck hier in Leipzig gelebt hatte, erfuhr sie auf diese Weise. Er war Soldat. Aus Eifersucht hatte er eine Frau getötet. Dafür wurde er 1824 geköpft. Und wenn man alle Soldaten köpfen würde, die getötet hatten ?

Thea war aufgeregt, das konnte sie ihr ansehen. Ihre Tochter sagte zwar, sie habe nur ganz wenig Lampenfieber, doch sie kannte sie besser. Rückgabe von Eintrittskarten wegen Umbesetzungen vorbehalten, stand auch auf dem Zettel. Aber natürlich ging sie wegen Thea dahin. Die anderen mit denen sie hier war, wollten auch den Peter Lühr sehen. Wie es sich wohl anfühlen musste, jemanden getötet zu haben ? In einer halben Stunde wird es losgehen.

BUNDESVERWALTUNGSGERICHT

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