3. November 1881

28. Oktober 2012, von admin in ARCHIV, November

 

Vor vier Jahren hatte Georg Grimpe den „Thüringer Hof“ von seinen Eltern geerbt. Es war ein traditionsreiches Haus, das volkstümlichste zu seiner Zeit und er selbst ein stadtbekannter Mann. Jeder war hier willkommen. Bischöfe und Ratsherren, Bürger, Studenten und Künstler.

Damals führte eine Reise Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen, Enkel Kaiser Wilhelm I. und späterer Kaiser Wilhelm II., auch nach Leipzig. Es war Mittagszeit schon fast vorbei, natürlich hatte er von der berühmten Restauration gehört. Er war unauffällig gekleidet, wollte inkognito bleiben, einen Platz würde er schon bekommen. Und falls nicht, würde er sich dem Wirt still zu erkennen geben.

Als er kurz nach zwei Uhr das Wirtshaus betrat, wimmelte es dort nur so von Menschen. Um die fünfhundert oder mehr, mutmaßte er. Die meisten von ihnen sahen erbärmlich aus. Viele Alte,  Frauen mit Kleinkindern und etliche Männer im besten Alter. Die sollten doch in den Fabriken sein um diese Zeit. Manche von ihnen zerlumpt, viele schienen krank zu sein, einige versehrt. Wo war er hingeraten? Entgeistert blieb er stehen, während sich seine beiden Begleiter einen Weg durch die Menge bahnten, um einen freien Tisch zu ergattern. Er wusste nicht, dass Grimpe eine tägliche Armenspeisung bot.

Ein Mann links von ihm hielt ihm einen Teller unter die Nase. Nimm Junge, du musst essen, damit aus dir was wird. Der junge Mann fand keine Worte im ersten Moment und ließ sich von dem humpelnden Alten an einen Tisch dirigieren, wo schon etliche andere saßen. Die meisten schwatzend und lärmend, andere still vor sich hinstarrend,  löffelten die Leute den Eintopf. Gar nicht mal schlecht, fand er seine Worte wieder. Man muss dankbar sein für alles, sagte der Alte, dem jetzt der verkürzte linke Arm des jungen Mannes auffiel. Auch ein Unfall in der Fabrik? Wilhelm antwortete nicht. Der Mann erzählte, dass er in eine Maschine geraten war und zeigte ihm sein kaputtes Bein, seine linke Hand fehlte ihm. Damals als er noch arbeiten konnte, waren die Löhne höher als heute. Er lebe jetzt bei der Familie seines Sohnes. Aber viel haben die nicht. Nur viele Kinder. Wilhelm sah sich bedrückt um und löffelte stumm seinen Teller leer, als der Alte ihn plötzlich anstarrte. Du erinnerst mich… nein… du siehst aus wie der Enkel unsres Kaisers.

Wilhelm antwortete so gelassen wie möglich, dass ihm solche Verwechslung schon einmal passiert sei. Und fragte den Alten, was der denn vom Kaiser hielte. Ach, der Kaiser sei nicht so entscheidend, der habe wenig zu sagen im Lande, aber der Bismarck sei ein sturer Hund. Der hasse die Sozialdemokraten, weil sie sich für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter einsetzten und deshalb würde es mit dem Elend im Lande weitergehen.

Zwei Wochen später wurde im Berliner Reichstag in einer kaiserlichen Botschaft ein sozialpolitisches Programm angekündigt, das die Versorgung der Arbeiter im Fall von Krankheit, Unfall, Invalidität und Alter vorsah.

BAYRISCHER BAHNHOF IM OKTOBER 2009 /  CITYTUNNEL – BAUARBEITEN

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