9. Februar 1909

6. April 2012, von Henriette Gerber in ARCHIV, Februar

Manche Menschen sind sich so nah, dass kein Blatt Papier dazwischen passt. Vertrauen, sich zu verstehen selbst ohne Worte und den anderen zu spüren, woauchimmer er sei. Und wiederum Andere sind sich vom ersten Moment an so fremd, dass sie sich unausgesprochen zu Feinden erklären. Jahrelang leben sie dann so nebeneinander her, wie die zwei Nachbarn in der Nähe der Ranstädter Viehweide (der heutigen Festwiese), die obendrein ihren Kindern schlicht beibrachten, diese Sippe bzw. jene sei schlecht und Ähnliches.

Manchmal jedoch ändert eine Situation alles.

Seit Tagen verwandelte der Regen die Stadt, die Kleider trockneten nicht mehr und die Elster fraß sich schleichend einen Weg aus ihrem Bett in die Straßen hinein. Später nannte man es Jahrhunderthochwasser, bis viel später andernorts andere Flüsse dies übertrafen. Was jetzt hier passierte, spülte etlichen Bewohnern den Boden, das Hab und das Gut unter den Füßen weg.  Freunde nahmen Freunde bei sich auf und auseinandergelebte Verwandte rückten näher aneinander.

Auch die beiden Nachbarsfamilien mussten überstürzt ihr Haus verlassen. Petra, die einzige Tochter der einen, sollte den Eltern helfen, das Nötigste in diesem Chaos zu retten, bevor das Wasser es verschlingen würde. Sie war ängstlich, wollte ihren Eltern nicht im Weg stehen und wusste nicht, was außer ihrer geliebten Puppe (die ihre Großmutter für sie genäht hatte) sie hätte mitnehmen sollen. Während alle in diesem großen Haus bemüht waren, schnellstmöglich Dinge zu raffen und in Taschen zu verstauen, stand sie bloß starr da und beobachtete die dummen Kinder der verhassten Familie, die mit einem Stock im rasch steigenden Wasser stocherten. Da schwamm eine Puppe, natürlich viel hässlicher als ihre eigene. Das Mädchen war in ihrem Alter, aber sie hatten sich beim Spielen meist gemieden. Jetzt war deren Puppe zum Greifen nah. Das Mädchen machte ihre Arme so lang sie konnte, streckte freudestrahlend ihre Hände aus und lehnte sich weit vor. Und dann war sie auf einmal weg. Petra sah nur noch diese Puppe. Bevor sie vor Schreck schreien konnte, begriff sie, was geschehen war. Ließ ihre Puppe fallen und rannte zu ihren Eltern. Als die zur Stelle eilten, war ein Strudel zu sehen, aufgewühltes Wasser. Die Frau schrie ihren Mann an und Petra sah ihren Vater sich ins Wasser stürzen. Dann bemerkten auch die Eltern des Mädchens, was passiert war. Petras Mutter hielt diese furchtbare Nachbarsfrau in ihren Armen, während der schreckliche Vater des Mädchens es aus den Armen ihres Vaters entgegennahm. Petra wollte ihre Puppe an sich drücken, um sich selbst zu trösten, doch das Wasser war weiter gestiegen und hatte sie mit sich genommen.

Das Mädchen atmete.

 

PARTHENAUE / LEIPZIG-THEKLA

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