20. November 1941 *

18. November 2012, von admin in ARCHIV, November


 Er war nur der Bote. Den Boten tötet man nicht, sagte er streng zu seiner Frau und still zu sich selbst. Außerdem würde es bloß eine Nachricht am Telefon sein. Wie sich diese Frau wohl fühlen wird ?

In Dresden leitet sie seit mehr als zwanzig Jahren eine eigene Schule. Choreografin, Tanzpädagogin. Ab April nächsten Jahres hätte sie hier arbeiten sollen. Er wusste selbst nicht, warum die Parteikollegen ihre Berufung jetzt abgelehnt hatten. Im Juli hatte Freyberg, der Oberbürgermeister und SS-Gruppenführer, sie doch persönlich als Leiterin der Abteilung Tanz an die neue Hochschule für Darstellende Kunst berufen. Bereich III, Erweiterung der Staatlichen Hochschule für Musik. Nachfolgeinstitution des Konservatoriums, 1813 gegründet. Ältestes deutsches Konservatorium, das musste man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Er liebte die Sprache und ihre Paragraphen.

Mary Wigman. Komischer Name für eine Deutsche. Jedenfalls hat die schon einiges auf die Beine gestellt. So eine wird sich bestimmt nicht kleinkriegen lassen. Ich hab es doch mit eigenen Augen gesehen, diesen März. Meine Frau wollte ja unbedingt hin zu der Aufführung. Wie die einem noch Tage danach in den Ohren gelegen hat.

Tanzen, tanzen. Egal wie die Zeiten sind. Kein Stillstehen, nur ein Innehalten, ein sich Konzentrieren, um den wüsten Boden zu verlassen, ein Schritt, zwei, ein Sprung – ins Ungewisse. Nicht ins Leere. In die Fülle, die man selbst ist und schafft in jedem Moment – neu. Den Boden berühren, berühren und loslassen. Raum greifen, frei sein und leicht. Nicht von dieser Welt, im Jetzt und Hier.

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Von 1942 bis 1949 (nach ihrer aktiven Zeit als Tänzerin) wirkte Mary Wigman in Leipzig als Leiterin der Abteilung Tanz an der neugegründeten Hochschule für Darstellende Kunst, wo sie Berufstänzer ausbildete und in Nachwuchsklassen Kinder und Jugendliche. Ihr eigenes, privates Tanzstudio führte sie weiter, während der Hochschulbetrieb durch das Kriegsgeschehen lange Zeit brach lag. In ihr Tagebuch schrieb sie am 13. November 1944: „Ich bin allein im Studio, voller Dankbarkeit für diesen Tag, der Zeugnis davon ablegt, dass man nicht umsonst gelebt und geschafft hat.“

DÈFILÈ  2008  /  VILLA  HUPFELD

 

 

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