21. Dezember 1482

17. Dezember 2012, von admin in ARCHIV, Dezember

Die Herbststürme der letzten Wochen hatten sich gelegt, um einer eisigen Schneelandschaft den Platz zu gewähren, der ihr um diese Zeit im Jahr zustand. Wer jetzt kein Heim hatte, würde nicht eine einzige Nacht überstehen. Am Nachmittag dieses 21. Dezembers hatte es zwei Zimmerleute in die Stadt verschlagen, die hier auf eine Arbeit hofften, wenigstens auf ein Dach überm Kopf für die Nacht. Die beiden waren sich vor Wochen auf einem Bauplatz begegnet, der Meister hatte das Haus des Bürgermeisters nun fertiggestellt und die beiden Junggesellen mussten weiterziehen, um sich anderswo zu verdingen. Kein leichtes Unterfangen um diese Jahreszeit.

Auf ihrem Weg durch die schlammigen Straßen kamen sie an den Zimmerplatz einer Kirche. Vor dem Frühjahr gab es da nichts zu tun. So verfielen sie auf die Idee, jeder für sich weiterzusuchen. Am nächsten Morgen, Schlag Acht, wollten sie sich hier wiedertreffen.

Der eine fand Einlass bei einem Kaufmann, der am Keller was auszubessern hatte. Der andere wurde bei Einbruch der Dunkelheit vom Nachtwächter aufgelesen, der zwar nur ein Stück Brot hatte, das er mit ihm teilen konnte, aber neugierig auf Geschichten aus der Ferne war. Nun muss man wissen, dass ein Nachtwächter (wie Totengräber und Gaukler) zu den als unehrlich geltenden Berufsständen zählte, aber was scherte das einen, der des Nachts nicht erfrieren wollte. Die Zimmerleute waren es allein, die den Leuten das Dach überm Kopf überhaupt bauten. Wegen des langen Gesprächs bei verdünntem Wein wenig ausgeruht, machte er sich am nächsten Morgen auf den Weg zum Bauplatz.

Vor Kälte blau verfroren, hockte dort der andere zitternd an einen Pfeiler gekauert, halb bewusstlos. Da er sich nicht anders zu helfen wusste, schleppte er den Halbtoten zur Wohnung des Nachtwächters, wo man ihn in warme Decken hüllte und schluckweise vom Rest des verdünnten Weines einflößte. Sie konnten sich keinen Reim darauf machen, was dem anderen Zimmergesellen geschehen war. Im Haus des Kaufmannes hätte es ihm doch reichlich ergehen können, vermeinten sie. Ein paar Tage später dann erfuhren sie von dem Wiederbelebten, was sich in jener Nacht in des Kaufmannes Haus zugetragen hat.

Der hatte ihn nach dem Abendessen in den Keller geführt, um ihm die Stellen an den Pfeilern zu zeigen, die ausgebessert werden mussten und ihm dort ein paar Strohsäcke als Nachtlager zugewiesen. Er war kaum eingeschlummert, da hörte er ein Schlurfen aufm Stein, das von Nichts zu kommen schien. Es wurde lauter und zog direkt an ihm vorüber. Seine Augen gewöhnten sich an das Dunkle, er nahm einzelne Gegenstände im Raum wahr, auch eine Axt, die am Boden lag. Niemand war da außer ihm, doch er hörte deutlich das Schnaufen eines alten Mannes. Und dann das Geräusch splitternden Holzes, als würde eine Stichaxt in einen Pfeiler geschlagen. Als das Schnaufen plötzlich verstummte, sprang er von seinem Lager auf, um die Axt zu packen, doch die war verschwunden, als hätte der Steinboden sich aufgetan und sie verschluckt. Und als er an den nächsten Pfeiler trat, war da frisch ins Holz gehauen. Die nackte Angst packte ihn und er rannte die Kellertreppe hoch. Inzwischen sahen seine Augen wie bei Tag – die ganze Stube war leer. Leer, als hätten sie hier nicht eben noch zu Abend gegessen, als hätten seit Jahren nur die Ratten das Haus gesehen.

Der Nachtwächter nickte wissend. Vor Jahren gab es hier einen Kaufmann, der sich der Unehrlichkeit schuldig gemacht hatte. Die anderen Kaufleute wollten ihn daraufhin aus der Stadt vertreiben, um ihren guten Ruf zu wahren. Doch als sie hinkamen, hatten sie ihn erhängt gefunden. Was die Ursach war, hat keiner je erfahren. Aber selbst dem Toten wünschten sie damals noch, dass jemand käme, ihm sein schändlich Geschäft einzureißen.

 

 

NIKOLAIKIRCHHOF

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